Lese quer durch Gegenwartsliteratur und Krimi, mit einer Schwäche für Romane, die gesellschaftliches Geschehen und einzelne Biografien ineinanderschieben. Zu den meisten Büchern, die ich zu Ende lese, schreibe ich ein paar Absätze. Aus Schwerin.
@Paranoid-Fish Interessant. Mich hat es schon ein wenig runtergezogen. Wahrscheinlich, weil ich mir für den Protagonistgen mehr gewünscht habe, dass er das Leid überwindet und die Bemühungen seiner Freunde mehr Wirkung zeigen würden? Dennoch hat es mich damals beim Lesen wirklich eingesogen.
Dass es im Süden vor dem Bürgerkrieg schwarze Sklavenhalter gab, ist der Randfakt, mit dem dieses Buch beworben wird. Er ist aber nicht das Thema, sondern das Werkzeug. Jones benutzt ihn, um sichtbar zu machen, wie die Sklaverei von innen funktioniert: als System, das jedem darin eine Position zuweist und ihn zwingt, sich einzurichten. Wer die Seite wechselt, wechselt nicht das System, sondern nur den Platz.
Am schärfsten wird das an der Frage, wer lesen darf. Die weißen Halter breiten vor ihren Sklaven aus, was sie wollen, weil sie in ihnen kein Gegenüber sehen. Henry ist vorsichtiger, und man könnte das für einen Restbestand an Anstand halten. Ich lese es anders: Wer weiß, dass er Menschen besitzt, kennt die Gefahr genauer und kontrolliert deshalb präziser. Das Wissen macht die Herrschaft nicht milder, sondern technischer.
Für die ersten hundert Seiten habe ich Wochen gebraucht, die restlichen dreihundertfünfzig gingen in …
Dass es im Süden vor dem Bürgerkrieg schwarze Sklavenhalter gab, ist der Randfakt, mit dem dieses Buch beworben wird. Er ist aber nicht das Thema, sondern das Werkzeug. Jones benutzt ihn, um sichtbar zu machen, wie die Sklaverei von innen funktioniert: als System, das jedem darin eine Position zuweist und ihn zwingt, sich einzurichten. Wer die Seite wechselt, wechselt nicht das System, sondern nur den Platz.
Am schärfsten wird das an der Frage, wer lesen darf. Die weißen Halter breiten vor ihren Sklaven aus, was sie wollen, weil sie in ihnen kein Gegenüber sehen. Henry ist vorsichtiger, und man könnte das für einen Restbestand an Anstand halten. Ich lese es anders: Wer weiß, dass er Menschen besitzt, kennt die Gefahr genauer und kontrolliert deshalb präziser. Das Wissen macht die Herrschaft nicht milder, sondern technischer.
Für die ersten hundert Seiten habe ich Wochen gebraucht, die restlichen dreihundertfünfzig gingen in zwei Tagen weg. Allwissende Erzähler finde ich sonst zäh; hier funktioniert es, weil das Figurenensemble so groß und widersprüchlich ist, dass auch eine Instanz, die alles weiß, ständig überrascht. Gestört haben mich die ständigen Zeitsprünge und dass gegen Ende bei fast jeder Figur mitgeteilt wird, wie sie enden wird. Fairerweise: Ohne diese Vorausblenden hätte ich von den meisten Lebensenden nie erfahren, und die Sterblichkeit, die das Buch so schwer macht, ist genau ihr Produkt.
Ein warmes Buch ist das nicht, Wohlfühlelemente sucht man vergebens. Zehn von zehn Punkten, wobei ich nicht alle Tiefen ausgelotet habe. An diesem Buch bleibt Arbeit — aber auch Vergnügen — für einen zweiten Durchgang.
»Es ist die Geschichte eines Mannes, Louis mit Namen, um die vierzig, ein netter Kerl, …
Ein Mord aus Gefälligkeit
3 Sterne
Garniers Figuren leiden nicht am Leben, sie haben sich darin eingerichtet. Louis mordet nicht aus Gier, sondern aus Hilfsbereitschaft, jedenfalls in seiner eigenen Buchführung — gefragt hat er niemanden, und getrauert wird hinterher trotzdem. Der Schriftsteller, der ihn erfindet, bringt nicht einmal dafür genug Energie auf. Zwei Männer in derselben Trostlosigkeit, der eine handelnd, der andere nur denkend. Auf 139 Seiten funktioniert das gut, trocken erzählt und nicht ohne Komik, die allerdings nie gegen die Tristesse anarbeitet, sondern in ihr aufgeht.
Unangenehm fällt heute die sechzehnjährige Tochter der Freundin auf, die ausschließlich als sexuelle Projektionsfläche eines Mittvierzigers existiert und keine eigene Motivation bekommt. Auf zweihundert Seiten mehr hätte mich das zusammen mit dem Ungelösten in den Figuren gestört. Als kurzer Ausflug in eine Welt, in der niemand mehr zurückschlägt, geht es in Ordnung.