Dietsch hat Die bekannte Welt von Edward Jones besprochen
Wer die Seite wechselt, wechselt nur den Platz
5 Sterne
Dass es im Süden vor dem Bürgerkrieg schwarze Sklavenhalter gab, ist der Randfakt, mit dem dieses Buch beworben wird. Er ist aber nicht das Thema, sondern das Werkzeug. Jones benutzt ihn, um sichtbar zu machen, wie die Sklaverei von innen funktioniert: als System, das jedem darin eine Position zuweist und ihn zwingt, sich einzurichten. Wer die Seite wechselt, wechselt nicht das System, sondern nur den Platz.
Am schärfsten wird das an der Frage, wer lesen darf. Die weißen Halter breiten vor ihren Sklaven aus, was sie wollen, weil sie in ihnen kein Gegenüber sehen. Henry ist vorsichtiger, und man könnte das für einen Restbestand an Anstand halten. Ich lese es anders: Wer weiß, dass er Menschen besitzt, kennt die Gefahr genauer und kontrolliert deshalb präziser. Das Wissen macht die Herrschaft nicht milder, sondern technischer.
Für die ersten hundert Seiten habe ich Wochen gebraucht, die restlichen dreihundertfünfzig gingen in zwei Tagen weg. Allwissende Erzähler finde ich sonst zäh; hier funktioniert es, weil das Figurenensemble so groß und widersprüchlich ist, dass auch eine Instanz, die alles weiß, ständig überrascht. Gestört haben mich die ständigen Zeitsprünge und dass gegen Ende bei fast jeder Figur mitgeteilt wird, wie sie enden wird. Fairerweise: Ohne diese Vorausblenden hätte ich von den meisten Lebensenden nie erfahren, und die Sterblichkeit, die das Buch so schwer macht, ist genau ihr Produkt.
Ein warmes Buch ist das nicht, Wohlfühlelemente sucht man vergebens. Zehn von zehn Punkten, wobei ich nicht alle Tiefen ausgelotet habe. An diesem Buch bleibt Arbeit — aber auch Vergnügen — für einen zweiten Durchgang.
