Rezensionen und Kommentare

Hemera

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Beitritt 2 Monate her

Leser von SciFi und Bücherschrankzeug.

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Dirk Rossmann: Der neunte Arm des Oktopus (Hardcover, Deutsch language, 2020, Bastei Lübbe)

Eine Klima-Allianz – Unsere letzte Chance? Der Klimawandel – eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes steht uns …

Grotesk

Utopien zu konstruieren ist nicht gerade leicht, allein weil sie die Zukunft betreffen. Die gewählte Form ist jedoch bereits mangelhaft: Einerseits versucht das Werk große Zusammenhänge zu fassen, anderseits persönliche Perspektiven darauf zu bieten. Das Ergebnis dieses Widerspruchs sind unpersönliche Charaktere mit wenn nicht kindlichen dann hölzernen Dialogen in einer Ansammlung mühsam aneinander getackerter staccatoartig steifer Berichtsfetzen, die nur eine Fassade von Internationalität erzeugen können, bestenfalls unterbrochen von vom Thema abschweifenden pseudophilosophisch undurchdachten oder belanglosen hyperpräzisen Wissenseinschüben.

Science Fiction lebt von einer Idee und auf die Prämisse eines Klimabündnisses könnte man sich einlassen, wäre der Autor nicht bereits so fantasielos explizit gegenwärtige Persönlichkeiten einbinden zu müssen (der Roman hätte oberflächlich nicht schlechter altern können) und damit bereits an der Genre Verortung zu rütteln. Die folgende inhaltliche Schlichtheit lässt sich problemlos als Schülerwitz erzählen: Ein Amerikaner, ein Chinese und ein Russe kommen in ne Bar und machen Weltfrieden aber Rossmann …

hat Der neunte Arm des Oktopus von Dirk Rossmann kommentiert

Dirk Rossmann: Der neunte Arm des Oktopus (Hardcover, Deutsch language, 2020, Bastei Lübbe)

Eine Klima-Allianz – Unsere letzte Chance? Der Klimawandel – eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes steht uns …

Ach du je, nationalistische Nationen, die sich nun ihrer Patrioten erwehren müssen, da ist doch was nicht ganz knusper, das hat doch kein Unternehmer sondern ein Fünftklässler verfasst.

Habe in die Danksagung vorgeblättert - da wird Christian Wulff und Hans Werner Sinn gedankt. Oh. Scheinbar war da eine ganze Rasselbande Fünftklässler ausschlaggebend. Wie soll man dieses Buch bloß einordnen? So froh doch nicht die ganze Reihe auf einen Rutsch gekauft zu haben. :/

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes (Paperback, Deutsch language, 2019, Random House)

John Openshaw erhält einen seltsamen Brief mit fünf Apfelsinenkernen darin. Schon sein Onkel und sein …

Kann man mal gelesen haben

Reine Unterhaltungskrimis, die den Spannungsbogen halten durch eine häppchenweise Aufklärung und den Geniekult um Holmes und seine vermeintlich geniale Art Schlüsse zu ziehen, die man dem Leser gar nicht erst erlaubt. Zusammen mit der alten Ausrucksweise kann man dem ganzen als Zeitzeugnis etwas abgewinnen.

Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde (Hardcover, Deutsch language, 2025, Rowohlt)

Ein starkes Plädoyer gegen den Kriegseinsatz – fern von naiver Friedensbewegtheit und weltfremdem Pazifismus.

Bereichernder Gedankenfluss

Der erste Eindruck: Ein Büchlein, das nur durch sein Hardcover von einem Heft unterscheidbar ist, muss argumentativ liefern, um diesem umfassenden Thema überhaupt gerecht zu werden. Und das tut es, denn im Gegensatz zu Zeitgenossen gelingt Nymoen etwas: sich bereichernde Gedanken zu machen. Und auch wenn sich sein erzählerischer Duktus wiederfindet, findet sich hier ein Gedankenfluss, angereichert mit Fußnoten (durchaus auch als Referenz auf Vordenker oder Literatur), der nicht einfach im Trivialen versandet oder wild durch Unkulturlandschaften mäandert. Dieser Gedankenfluss wird bewusst gegliedert mit dem klaren Ziel Erkenntnisgewinn und Denkanstöße an alle zu transportieren, die sich mit oder ohne Vorwissen auf das Gewässer wagen.

Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit (Hardcover, 2021)

Fakten gegen Fakes!

Die bekannte Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim untersucht mit analytischem Scharfsinn …

Hybris: "Tatsachen, Meinungen, Fantasien und Ängste [als] große Matschepampe vermischt"

Was erwartet man von populär-wissenschafftlichen Büchern? Autorin Mai führt ganz im Stile ihrer Internetauftritte fachlich korrekt durch einen bunten Strauß an Themen und die Infoboxen sind nett, ein paar Methodiken interessant, ein paar Begrifflichkeiten bereichernd. Handwerklich stören Verweise auf in SW fehlende Einfärbungen, umgebrochene eingezwängte Exkurse oder bspw. Abb. 3.4/3.5, die statt im Verhältnis aufbereitet zu werden, mit unbeschrifteten Achsen zum Umblättern einladen und selbst dann im Vergleich sind die Balken nicht einmal in der gleichen Reihenfolge angeordnet. Aber ist das Grundsätzliches? Spätestens wenn man bei Tierethik über das Argument stolpert, hätte man nur schwangere Mäuse gequält, hätte man die Contergan-Katastrophe für Menschen verhindern können, muss man innehalten und sich fragen, dieses Buch strotzt vor Daten und kann doch keine Erkenntnisse generieren, was läuft hier verkehrt?

Da eignet sich Kapitel 3, denn da geht es ums wichtigste, ums Geld (den Gender Pay Gap). Warum wird man am Ende mit …

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum (Paperback, Deutsch language, 1976)

Katharina Blum, die Zentralfigur dieser Erzählung, ist eine junge hübsche Haushälterin, die nebenberuflich bei Empfängen …

Vom Schützen

Böll gelingt eine Erzählung in Form eines berichtenden Thrillers, die auch aus der eigenen Überzeugung heraus jede Sensationslust an sich selber vernichtet, indem sie schnellstmöglich alle Geschehnisse offenlegt. Übrig bleibt einzig eine Sehnsucht nach Aufklärung der Verhältnisse. Böll stellt mit dieser Erzählung jedoch nicht einfach banal die Hegemonie einer gewisser ZEITUNG infrage, sondern auch die eines der mächtigsten Gedankencluster - des Schutzes. Jemand der schützt ist gut, ein regelrechter Schutzmann des unmündigen Bürgers, was ließe sich schon dagegen andenken? Der unpersonifizierte Untertitel nennt unbestimmte Gewalt, wirft die Frage auf, wer wird welche Gewalt ausüben, wer wird wen wovor genau schützen? Pflichtlektüre.

Jonathan Latimer: Der enthauptete Großonkel (Paperback, Deutsch language, 1995, Diogenes)

Ursprünglich unter dem Pseudonym Peter Coffin erschienen, unterscheidet sich Latimers umfangreichster Roman 'Der enthauptete Großvater' …

Vom Irren

Eigentlich ein ganz gewöhnlicher klassischer Krimi in gehobener Erbengesellschaft mit mal vorhersehbaren und mal überraschenden Wendungen, dann aber ist da das Irre. Das irren - häufig sogar aktive in die Irre führen - und natürlich das Irre zu vertreiben und die Ordnung wieder herzustellen gehört zum Krimi grundsätzlich dazu und dennoch steht die Ordnung hier ein wenig ratlos dem Irren gegenüber, denn das manifestierte Element des Irren hält zwat irrational aber natürlich auch dankbar die rationale Ordnung auf Trab, dem Irren immer wieder nachzujagen. Überrascht auf diese Ebene abstrahiert mit erstaunlich tiefgründigen Gedanken, sodass man dann doch von einem außergewöhnlichen Krimi sprechen kann.

Theresa Hannig: Die Optimierer (German language, 2017, Bastei Lubbe)

Korrekturvermerk: Optimal verklärt

Zunächst erwartet man eine klassische fast langweilige Dystopie: was uns als utopisch inszeniert wird, das müssen wir mit kindlichen Trotz als dystopisch ablehnen und während man regelmäßig innehält und überlegt - haben wir nicht schon eine Dystopie, in der von den Umständen der Beruf fremdbestimmt bestimmt wird, ist die akzeptierte staatlich verordnete Arbeitslosigkeit wirklich dystopischer gegenüber einer erforderlichen aber verachteten Arbeitslosigkeit und sind Sozialpunkte für ehrenamtliches Engagement dystopischer als Applaus für unterbezahltes Pflegepersonal - da muss man realisieren, Hannig verkauft hier aus liberaler Sicht die vegan-links-grüne Ökodiktatur, denn was wenn nicht ein drohendes Gänsebratenverbot wäre realistischter und für jeden Liberalen dystopischer? Und das hat man ja wohl eher selten, dass man über die Zwänge einer Dystopie laut zu lachen anfängt, die sich verzweifelt nach dem großen Bruder streckt jedoch als kindlich-kleiner Bruder hastig über Verhaltensbrüche stolpert. Aber gerade wenn man glaubt jetzt habe man das Werk durchschaut, jetzt hat man …

hat Die Burg von Ursula Poznanski besprochen

Ursula Poznanski: Die Burg (German language, Knaur)

Es hat ihn buchstäblich Unsummen gekostet – doch Milliardär Nevio hat die halbverfallene Burg Greiffenau …

Angst zwingt uns alle in die Knie

Eine Escape-Welt, ein Milliardär und eine KI treffen sich in einem Roman, man befürchtet ein Klischee, aber es ist eben ein Poznanski Thriller. Poznanski schreibt brandaktuell am Puls der Zeit mit bitterbösen Kommentarspitzen und wenn wir uns dann selbst ertappen, was wir da unter der Oberfläche der stolzen Feste gesellschaftlich für eine Realitätsflucht betreiben, kann man nur sagen willkommen in "Die Burg", Angst zwingt uns alle in die Knie.

Gudrun Pausewang: Die letzten Kinder von Schewenborn (Paperback, Deutsch language, 1985, Ravensburger)

»Es ist nicht so gekommen, wie es sich unsere Eltern und die meisten übrigen Erwachsenen …

Vielfache Apokalypse

Es ist nicht einfach nur die Apokalypse, es ist auch wieder einmal die Apokalypse der Gesellschaft, die Atomisierung in Familien, der Streit um die Säge um selbst in der Asche gegeneinander Holz zu fällen statt miteinander. Pausewang bietet einen Einblick in die vergangenen Perspektiven und die deutsche Spielart des Weltuntergangs, darüber hinaus herrscht jedoch nur ein apokalyptisches Werk vor: Man könnte annehmen im dystopischen läge Erkenntnis, man realisiert jedoch wo banalstes Miteinander zum revolutionären Gedanken würde und sei es nur das Teilen einer Säge, bleibt das Werk nur eine moralistisch angestaubte Sammlung ausgestopfter Trivialgedanken zum Thema Apokalypse.

qntm: Wir haben keine Antimemetik Abteilung (Hardcover, Deutsch language, 2025, Heyne)

Gefährliche Ideen sind mitten unter uns, ohne dass wir es bemerken. Eine davon könnte hier …

Antiintuitiv bereichernd

Gedanken zu folgen, die zu denken gemäß ihrer Definition sich der Existenz widersetzen, ist überraschend erhellend. Gibt es Werke darum bemüht die Welt aufklärerisch als reinen Widerstreit der Interessen zu verstehen, so abstrahiert dieses das Verständnis noch auf die Ebene der Ideen als Akteure an sich. Wie bei Science Fiction üblich lebt das Werk allein von der Idee von den Ideen mehr als Charakteren - wenn mich die Erinnerung nicht trügt erinnere ich mich ihrer kaum - und so ist es letztendlich auch schwer dem Werk anzulasten, dass sich verfasst durch einen menschlichen Autor keine nicht-menschlichen Gedanken fanden der Idee ein nicht-triviales gar undenkbares Ende zu bescheren. Dieses Buch zu lesen bleibt dennoch eine gute Idee.

hat Damals war es Friedrich von Hans Peter Richter besprochen

Hans Peter Richter: Damals war es Friedrich (Paperback, Deutsch language, 1986, dtv)

Zwei Jungen wachsen im selben Haus auf und gehen in dieselbe Schulklasse. Jeder wird als …

Blick in die Vergangenheit aus der Vergangenheit

Richter analysiert keinerlei Verhältnisse, verbannt alles geschichtlich umfassendere Rahmenwerk in den Anhang und schreibt stumpf und emotionslos aus Sicht eines Ich-Erzählers wie passiert was passiert und dies vielleicht nicht nur aus der Naivität eines Kindes heraus sondern auch aus Sicht des Passivisten, der sich vielleicht gerade deshalb fragen soll, er wäre nie so richtig mitgelaufen aber hätte er nicht deshalb mehr machen müssen. "Die Reihe für junge Menschen, die mitdenken wollen" heißt es auf der Rückseite, diese als Zielgruppe trifft es immer noch.