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Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit (Hardcover, 2021)

Fakten gegen Fakes!

Die bekannte Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim untersucht mit analytischem Scharfsinn …

Hybris: "Tatsachen, Meinungen, Fantasien und Ängste [als] große Matschepampe vermischt"

Was erwartet man von populär-wissenschafftlichen Büchern? Autorin Mai führt ganz im Stile ihrer Internetauftritte fachlich korrekt durch einen bunten Strauß an Themen und die Infoboxen sind nett, ein paar Methodiken interessant, ein paar Begrifflichkeiten bereichernd. Handwerklich stören Verweise auf in SW fehlende Einfärbungen, umgebrochene eingezwängte Exkurse oder bspw. Abb. 3.4/3.5, die statt im Verhältnis aufbereitet zu werden, mit unbeschrifteten Achsen zum Umblättern einladen und selbst dann im Vergleich sind die Balken nicht einmal in der gleichen Reihenfolge angeordnet. Aber ist das Grundsätzliches? Spätestens wenn man bei Tierethik über das Argument stolpert, hätte man nur schwangere Mäuse gequält, hätte man die Contergan-Katastrophe für Menschen verhindern können, muss man innehalten und sich fragen, dieses Buch strotzt vor Daten und kann doch keine Erkenntnisse generieren, was läuft hier verkehrt?

Da eignet sich Kapitel 3, denn da geht es ums wichtigste, ums Geld (den Gender Pay Gap). Warum wird man am Ende mit einer DIW-Studie belästigt, wenn ihre Verortung der Systemrelevanz von Berufen bereits anzuzweifeln ist? Im Gegenteil, ein flapsiger Kommentar zu Herbert Diess sei überbezahlt aber nicht systemrelevant - relevant gemessen im System einer imaginären Inselwirtschaft oder im realen Kapitalismus, wo die Besitzverhältnisse an virtuellem als Bankenkrise die Weltwirtschaft mehr erzittern lassen als manche Hungersnot - zu verurteilen sei nur Meinungssache. Das stellt alles Vermessen zuvor infrage, Gerechtigkeit doch wieder nur Ansichtssache? Das ideologisch hier ein blinder Fleck im angeblich überlegenen kritischen Denken marodiert, zeigt sich bei der Verurteilung des GPG. Zwar wird herausgearbeitet, dass die Schwangerschaft allein der Karriere der Frau trotz gleichem Lohn einen Wissensrückstand einbringt, aber weder wird thematisiert, dass sich dieser biologische Umstand per Definition nicht wegoptimieren lässt (es sei denn Kind klonen oder kaufen), noch wie problematisch der Umgang damit ist. Stattdessen wird die Care-Arbeit als gesellschaftlich für das System relevant eingeordnet und der die Karriere liebenden Mutter die Entfremdung ihres Nachwuchses in die dann wenigstens wieder systemisch vollmonetarisierte Erziehungseinrichtung nahegelegt, denn wie sollte man die unausgegorene Idee eine fiktive Karriere verzinst zu vergüten umsetzen. Und damit ist das unausgesprochene Gewitter als Antwort auf die Frage nach der Systemrelevanz fertig gebraut. Denn egal wie viel hier systemisch auf die Seiten geklatscht wird, die so über die Schwangerschaft hinaus verdummte Frau (und gleichberechtigt der dumme Mann) fristen verschuldet oder entschieden ja bereits rein selbstbestimmt ihren schlechteren (verdienten) Lebensstandard. Kaum fehlen die Daten solle man sich bitte wenigstens auf das Funktionieren des Systems einigen.

Fazit: Die größten Streitfragen der Wissenschaft? Wurde Gretas "Unite behind the science" als zu einfach belächelt, fällt der Autorin selbst nichts ein außer ein selbst bescheinigtes "dann doch fast schon religiös[es]" teilen eines wissenschaftlichen Science Spirits. Als FFF Unterzeichnerin gilt Hauptsache konstruktiv, denn es müsse noch besser gestritten, vermessen, gedacht ja mehr vernunft werden, als hätte man sich selber noch nicht genug in der Kategorie der Kritik völlig verrannt. Ohne ideologische Ausrüstung bleibt die Suche nach der kleinsten gemeinsamen Wirklichkeit belangloses statistisches Gestocher und diejenigen, von denen man sich wünschen würde sie läsen dieses Buch, die hat man bereitwillig abgestempelt und längst zurückgelassen.