Dieser Roman ist über die Literaturwelt gekommen wie ein Naturereignis: ein wuchtiges Familienepos, das am Beispiel von sechs Generationen außergewöhnlicher Frauen das ganze pralle 20. Jahrhundert mit all seinen Umbrüchen und Dramen, Katastrophen und Wundern erzählt. Vom Georgien am Vorabend des Ersten Weltkriegs bis ins Deutschland zu Anfang des neuen Millenniums spannt Nino Haratischwili den Bogen. Alles beginnt mit Stasia, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten. Mit ihrer Geburt setzt die Geschichte ein, die fortan wie ein gewaltiger Strom mit unzähligen Nebenarmen und Verwirbelungen durch Europa zieht und den Leser bis zur letzten Seite in ihrem Sog gefangen hält.
Ein großer Roman über Frauen im 20. Jahrhundert, über Georgien und die Welt
5 Sterne
Was für ein Brett von Buch: Auf mehr als 1200 Seiten bzw. 43 Stunden Hörbuch erzählt Nino Haratischwili die Geschichte einer georgischen Familie über den gesamten Verlauf des 20. Jahrhunderts – im Gegensatz zu klassischen historischen Panoramen aber nicht aus der Perspektive mächtiger Männer, sondern aus der von Frauen einer gehobenen Schicht aber fern der Macht.
Es geht dabei um Hoffnungen und Pläne, aber auch um Traumata und Leid in einer sich stetig wandelnden Welt. Alle Hauptfiguren tragen die Geschichte der Familie in sich und suchen ihren eigenen Weg, mit dem Wandel umzugehen.
CN Vergewaltigung, Abtreibung Ich habe das Gefühl, eine 1-Stern-Bewertung für so ein hochgelobtes Buch irgendwie begründen zu müssen. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum dieses Buch hier mit 4,5 Sternen bewertet wurde und sogar auf der Longlist für den International Booker Prize gelandet ist.
Eine 1200 Seiten lange Familiengeschichte über 6 Generationen klang für mich sehr vielversprechend, nach Buddenbrooks oder Middlesex, aber ich hätte nicht falscher liegen können. Ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Alle Charaktere außer den Hauptfiguren sind völlig holzschnittartig und interessant, und selbst die Hauptfiguren sind unsympathisch und eindimensional. Es geht auf fast jeder Seite um Politik, aber niemand in diesem Roman denkt in irgendeiner Weise politisch, niemand ist in irgendeiner Form an der Gesellschaft interessiert. Allen Kommunist*innen ist der Kommunismus völlig egal, sie sind einfach inhärent böse und versuchen möglichst vielen Menschen zu schaden. Aber auch sonst ist niemand politisch, es gibt einfach …
CN Vergewaltigung, Abtreibung Ich habe das Gefühl, eine 1-Stern-Bewertung für so ein hochgelobtes Buch irgendwie begründen zu müssen. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum dieses Buch hier mit 4,5 Sternen bewertet wurde und sogar auf der Longlist für den International Booker Prize gelandet ist.
Eine 1200 Seiten lange Familiengeschichte über 6 Generationen klang für mich sehr vielversprechend, nach Buddenbrooks oder Middlesex, aber ich hätte nicht falscher liegen können. Ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Alle Charaktere außer den Hauptfiguren sind völlig holzschnittartig und interessant, und selbst die Hauptfiguren sind unsympathisch und eindimensional. Es geht auf fast jeder Seite um Politik, aber niemand in diesem Roman denkt in irgendeiner Weise politisch, niemand ist in irgendeiner Form an der Gesellschaft interessiert. Allen Kommunist*innen ist der Kommunismus völlig egal, sie sind einfach inhärent böse und versuchen möglichst vielen Menschen zu schaden. Aber auch sonst ist niemand politisch, es gibt einfach gute (die Hauptfiguren) und böse (alle anderen) Menschen und das muss dann als Motiv reichen, vielleicht noch garniert mit den Moralvorstellungen westlicher Linksliberaler im 21. Jahrhundert, die die Mitglieder der Familie natürlich auch im Jahr 1920 schon vertreten. Und so macht es dann auch nichts, wenn sich jemand im Zweiten Weltkrieg dazu entscheidet, nach Westeuropa zu fliehen, um sich den Nazis anzuschließen: Er ist einer von den Guten, also kann es auch nicht schlimm gewesen sein. Im Gegenteil wird es sogar zur Demonstration der Bösartigkeit des einzigen "linientreuen" Mitglieds der Familie verwendet, dass er nicht bereit ist, diesen Verrat sofort zu verzeihen.
Selbstverständlich ist immer eine der Figuren anwesend, wenn ein weltgeschichtliches Ereignis stattfindet und auch historische Persönlichkeiten greifen direkt in die Handlung ein, wenn etwa eine Protagonistin von Lawrenti Beria persönlich vergewaltigt wird. Leider ist Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt auch das einzige Mittel, durch das die überwiegend weiblichen Hauptfiguren überhaupt so etwas wie Charakterentwicklung erfahren. Politisch ist das ganze Buch eine einzige Katastrophe, selbst der Holocaust (der nur an einer Stelle wirklich erwähnt wird) dient nur als Trauma für einen Nebencharacter. Über eine andere Frau heißt es, die Tatsache, dass sie mehrere Abtreibungen hinter sich hat “schärft[e] ihr Talent zur Grausamkeit”.
Die Rahmenhandlung sollte eigentlich sein, dass eine Protagonistin ihre Famliengeschichte als Brief an ihre Nichte schreibt, allerdings spielt das zu 95% keine Rolle und es werden dennoch Gedanken und Ereignisse geschildert, über die sie keine Kenntnisse haben kann, dann steht aber gerne eine Seite später über ein anderes belangloses Detail 'mehr weiß ich nicht, ich war ja nicht dabei'.
Und dann ist es, zu allem Überfluss, viel zu lang. Ich liebe lange Bücher, aber dieses hätte man ohne jeden Verlust um die Hälfte kürzen können. Und dann wäre es immer noch zu lang. Zu Gute halten kann ich dem Roman eigentlich nur die größtenteils schöne Sprache, die allerdings in der Beschreibung historischer Ereignisse zum Lexikonhaften und in vielen anderen Situationen zu extremen Pathos neigt.
Review of 'Das achte Leben (für Brilka)' on 'Goodreads'
4 Sterne
Ein 100 jähriges Familienepos, einer georgischen Familie, inmitten der Oktoberrevolution, des 1. Weltkrieges, des 2. Weltkrieges, der Zeit des eisernen Vorhangs, der ständigen Revolten und Aufstände, bis hin zu den kriegerischen Konflikten in den frühen 90er Jahren mit Abschluss im Jahre 2008. Der Prolog und das Ende bilden einen pathetischen Singsang im Stile einer großen Soap Opera. Das dazwischen erzählt eine eindringliche Familiengeschichte, von der man wirklich glauben mag, sie sei verflucht. Wie viel übler Shit kann denn bitte so vielen Generationen passieren und nahezu jeder Person? Die ersten 300 Seiten hatte ich das Gefühl die Autorin müsse sich noch warm schreiben. Da sprang bei mir wenig über, fühlte mich lediglich berichthaft informiert. Sie behält über das gesamte Buch einen straight, chronologischen, erzählenden Schreibstil bei, der keine großen Besonderheiten aufweist. Ich denke, dass sie damit so wenig wie möglich von den Personen und deren Schicksalen ablenken wollte. Im großen und …
Ein 100 jähriges Familienepos, einer georgischen Familie, inmitten der Oktoberrevolution, des 1. Weltkrieges, des 2. Weltkrieges, der Zeit des eisernen Vorhangs, der ständigen Revolten und Aufstände, bis hin zu den kriegerischen Konflikten in den frühen 90er Jahren mit Abschluss im Jahre 2008. Der Prolog und das Ende bilden einen pathetischen Singsang im Stile einer großen Soap Opera. Das dazwischen erzählt eine eindringliche Familiengeschichte, von der man wirklich glauben mag, sie sei verflucht. Wie viel übler Shit kann denn bitte so vielen Generationen passieren und nahezu jeder Person? Die ersten 300 Seiten hatte ich das Gefühl die Autorin müsse sich noch warm schreiben. Da sprang bei mir wenig über, fühlte mich lediglich berichthaft informiert. Sie behält über das gesamte Buch einen straight, chronologischen, erzählenden Schreibstil bei, der keine großen Besonderheiten aufweist. Ich denke, dass sie damit so wenig wie möglich von den Personen und deren Schicksalen ablenken wollte. Im großen und Ganzen gelingt ihr dies. Wir erleben immer wieder größere Zeitsprünge, die mich in der ersten Hälfte sehr gestört haben. Mag aber auch daran liegen, dass ich gerne mehr über die politischen Dinge zur Zeit der Oktoberrevolution und der Weltkriege erfahren hätte. Durch die Sprünge verdichtet sich das Familiengeschehen, so dass wir als Leser ohne Luft holen zu können von einem Dilemma ins nächste tappen. Ist wahrscheinlich Geschmackssache- ich lese so etwas lieber episch in die Breite gezogen.
5 Sterne würdig ist ihre Charaktergestaltung und Entwicklung. Ein Facettenreichtum an Persönlichkeitsmerkmalen und Arten mit ein und der selben Situation umzugehen. Die Psychologie und Erkenntnis dahinter ist grandios herausgearbeitet. Hier durchbricht sie auch den klassischen Erzählstil und schafft wunderbare Gedanken und tiefschürfende Satzkonstruktionen. Das große Schweigen liegt in jeder Generation schwer auf den Protagonisten. Man altert mit den Geschwistern Stasia und Christine- verflucht Stasia in jungen Jahren ihrer Passivität wegen und liebt sie im Alter-gesteht ihr alles zu, verteidigt sie ob ihrer Schrulligkeit.
Hätte die Autorin diese Geschichte nicht so klassisch erzählt, wäre die Schokoladenfluch-Symbologie (die ich völlig unnötig und deplatziert fand: Wir brauchen alle unseren Aberglauben oder wie?) nicht gewesen und gäbe es nicht hier und da den ein oder anderen zu großen Zufall, wären für mich daraus eindeutig 5 Sterne geworden.