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Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka) (German language, 2014)

Dieser Roman ist über die Literaturwelt gekommen wie ein Naturereignis: ein wuchtiges Familienepos, das am …

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CN Vergewaltigung, Abtreibung
Ich habe das Gefühl, eine 1-Stern-Bewertung für so ein hochgelobtes Buch irgendwie begründen zu müssen. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum dieses Buch hier mit 4,5 Sternen bewertet wurde und sogar auf der Longlist für den International Booker Prize gelandet ist.

Eine 1200 Seiten lange Familiengeschichte über 6 Generationen klang für mich sehr vielversprechend, nach Buddenbrooks oder Middlesex, aber ich hätte nicht falscher liegen können. Ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll. Alle Charaktere außer den Hauptfiguren sind völlig holzschnittartig und interessant, und selbst die Hauptfiguren sind unsympathisch und eindimensional. Es geht auf fast jeder Seite um Politik, aber niemand in diesem Roman denkt in irgendeiner Weise politisch, niemand ist in irgendeiner Form an der Gesellschaft interessiert. Allen Kommunist*innen ist der Kommunismus völlig egal, sie sind einfach inhärent böse und versuchen möglichst vielen Menschen zu schaden. Aber auch sonst ist niemand politisch, es gibt einfach gute (die Hauptfiguren) und böse (alle anderen) Menschen und das muss dann als Motiv reichen, vielleicht noch garniert mit den Moralvorstellungen westlicher Linksliberaler im 21. Jahrhundert, die die Mitglieder der Familie natürlich auch im Jahr 1920 schon vertreten. Und so macht es dann auch nichts, wenn sich jemand im Zweiten Weltkrieg dazu entscheidet, nach Westeuropa zu fliehen, um sich den Nazis anzuschließen: Er ist einer von den Guten, also kann es auch nicht schlimm gewesen sein. Im Gegenteil wird es sogar zur Demonstration der Bösartigkeit des einzigen "linientreuen" Mitglieds der Familie verwendet, dass er nicht bereit ist, diesen Verrat sofort zu verzeihen.

Selbstverständlich ist immer eine der Figuren anwesend, wenn ein weltgeschichtliches Ereignis stattfindet und auch historische Persönlichkeiten greifen direkt in die Handlung ein, wenn etwa eine Protagonistin von Lawrenti Beria persönlich vergewaltigt wird. Leider ist Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt auch das einzige Mittel, durch das die überwiegend weiblichen Hauptfiguren überhaupt so etwas wie Charakterentwicklung erfahren. Politisch ist das ganze Buch eine einzige Katastrophe, selbst der Holocaust (der nur an einer Stelle wirklich erwähnt wird) dient nur als Trauma für einen Nebencharacter. Über eine andere Frau heißt es, die Tatsache, dass sie mehrere Abtreibungen hinter sich hat “schärft[e] ihr Talent zur Grausamkeit”.

Die Rahmenhandlung sollte eigentlich sein, dass eine Protagonistin ihre Famliengeschichte als Brief an ihre Nichte schreibt, allerdings spielt das zu 95% keine Rolle und es werden dennoch Gedanken und Ereignisse geschildert, über die sie keine Kenntnisse haben kann, dann steht aber gerne eine Seite später über ein anderes belangloses Detail 'mehr weiß ich nicht, ich war ja nicht dabei'.

Und dann ist es, zu allem Überfluss, viel zu lang. Ich liebe lange Bücher, aber dieses hätte man ohne jeden Verlust um die Hälfte kürzen können. Und dann wäre es immer noch zu lang. Zu Gute halten kann ich dem Roman eigentlich nur die größtenteils schöne Sprache, die allerdings in der Beschreibung historischer Ereignisse zum Lexikonhaften und in vielen anderen Situationen zu extremen Pathos neigt.