Andi hat Der dunkle Wald von Liu Cixin besprochen (Trisolaris, #2)
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In "Der Dunkle Wald" setzt Cixin Liu die Trisolaris-Erzählung in demselben episodenhaften Stil fort wie in Band 1. Dabei wechselt die Erzählung immer wieder in schneller Folge zu unterschiedlichen Schauplätzen und Protagonisten.
Von den Personen aus Band 1 spielt lediglich der Polizeikommissar Shi Qiang noch eine größere Rolle. Wie schon in Band 1 schwächelt Cixin Liu etwas bei der überzeugenden Darstellung seiner Protagonisten. Außer dem Kommissar Shi Qiang werden nur zwei weitere Protagonisten ausführlicher dargestellt: der Politkommissar Zhang Beihei und der Wissenschaftler Luo Ji. Außerdem fällt auf, dass die für die Handlung bedeutenden Charaktere überwiegend Männer sind. Anstatt dem Autor (wie einige andere Rezensent*innen) Sexismus vorzuwerfen, würde ich jedoch einfach davon ausgehen, dass sich Cixin Liu mit der Darstellung von Frauencharakteren noch schwerer tut als mit der überzeugenden Herausarbeitung männlicher Personen und es aus diesem Grund lieber bleiben lässt. Wenn in einem Roman sexistische Personen vorkommen (z.B. Luo Ji, der sich seine Traumfrau quasi aus dem Katalog bestellt), heißt das ja noch lange nicht, dass damit auch die Geschichte oder der Autor sexistisch sind. Immerhin wird Luo Ji im Roman für seine Einstellung auch kritisiert.
Die allgemeine Schwäche bei der Darstellung der Protagonisten schmälert die Genialität dieses Romans jedoch kaum, da diese vor allem von der faszinierenden Geschichte und weniger von einzelnen Personen herrührt. Die ersten beiden Teile von Band 2 spielen noch in der Gegenwart bzw. einer sehr nahen Zukunft, und wie schon in Band 1 halten sich die Fiction-Elemente hier sehr in Grenzen. Die meisten technischen und wissenschaftlichen Erklärungen basieren auf heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und sind nicht reine Fantasiegespinste wie in Star Wars oder ähnlichen Geschichten, die mit „Science“ gar nichts zu tun haben, sondern eher in die Kategorie "Fantasy im Welltall" gehören. Lediglich die Tatsache, dass die Sophonen (das nahezu einzige Fantasy-Element aus Band 1) jetzt auch eine Echtzeitkommunikation zwischen Erde und Trisolaris ermöglichen, ist wenig realistisch.
Im dritten Teil macht die Handlung dann einen Sprung um 200 Jahre in die Zukunft, und hier nehmen die Fiction-Elemente jetzt zwangsläufig zu, da man durchaus davon ausgehen kann, dass es in dieser Zeit Entwicklungen geben wird, die heute noch kaum vorstellbar sind. Allerdings erfindet Cixin Liu auch weiterhin keine Dinge wie Warp-Antrieb oder Fluxkompensatoren, die nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen einfach physikalischer Unsinn sind. (Ich gebe zu, die Sophonen und der Kälteschlaf fallen möglicherweise in dieselbe Kategorie, aber immerhin
hält sich die Anzahl solcher Fantasiegespinste in engen Grenzen).
Im Laufe des Romans habe ich mich gefragt, ob es realistisch ist, anzunehmen, dass sich ein Großteil der Weltbevölkerung mit großem Enthusiasmus auf einen Krieg (bzw. ein Flucht davor) vorbereitet, der erst 400 Jahre in der Zukunft stattfinden wird (so lange braucht die Invasionsflotte der Trisolarier, um die Erde zu erreichen). Daher war ich positiv überrascht, dass Cixin Liu offenbar zu derselben Überlegung gelangt ist. Nach dem Zeitsprung um 200 Jahre hat die Menschheit die Bedrohung wohl ziemlich aus den Augen verloren. Obwohl sie nach wie vor mit der Ankunft der Trisolarier rechnen, sind die Menschen aufgrund der erzielten technischen Fortschritte fest davon überzeugt, mit der Gefahr spielend fertig zu werden – bis die „Vorhut“ der Trisolarier im Sonnensystem eintrifft.
