Andi hat Die Macht der Geographie von Tim Marshall besprochen
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Tim Marshall erläutert in seinem Buch, warum seiner Meinung nach außenpolitische Entscheidungen von Großmächten in der Vergangenheit wie in der Gegenwart vor allem von geografischen Gegebenheiten bestimmt wurden und immer noch werden. Viele seiner Argumente klingen sehr logisch und nachvollziehbar, und tatsächlich scheinen auch die aktuellen Entwicklungen im Jahr 2022 im Ukrainekrieg seine Überlegungen voll und ganz zu bestätigen.
Da sich das Buch zu großen Teilen mit vergangenen Jahrhunderten beschäftigt, kommt Marshall neben der Geographie auch auf interessante geschichtliche Zusammenhänge aus der Kolonialzeit und kulturelle Unterschiede zu sprechen. Dabei beschränkt er sich nicht nur auf Regionen und Konflikte, die ohnehin in den Schlagzeilen der Medien vorkommen und -kamen, sondern gibt auch interessante Einblicke in die Politik und Entwicklung von Ländern, die von Schulgeschichtsbüchern und Medien wenig beachtet werden.
Beim Lesen etwas negativ aufgefallen ist mir, dass Tim Marshall dazu neigt seine etwas militaristisch gefärbten Theorien an vielen Stellen als alternativlose Wahrheiten darzustellen, denen sich jede Regierung zwangsläufig beugen muss. In seinem Vorwort sagt der Autor zwar immerhin: "Sie [die Geographie] ist vielleicht nicht der bestimmende Faktor, aber ganz sicher jener, der am häufigsten übersehen wird". Im Buch selbst klingen seine Ausführungen jedoch stets so, als ob die von Marshall aus den geografischen Gegebenheiten abgeleiteten Überlegungen tatsächlich die jeweils einzig möglichen Handlungsalternativen wären. Nun bin ich kein militanter Pazifist und kann auch nicht daran glauben, dass die Natur den Homo Sapiens mit genügend Intelligenz ausgestattet hat, damit wir es eines Tages hinbekommen, dass alle Menschen auf unserem Planeten friedlich miteinander auskommen. Daher gehe ich davon aus, dass solche Aussagen von Marshall wie: "Präsident Putin hatte eigentlich keine Wahl -- er musste die Krim annektieren" oder "Alle großen Länder nutzen Friedenszeiten, um sich für den Tag zu rüsten, an dem der Krieg ausbricht" tatsächlich von so manchem autokratischen Herrscher und vielleicht auch von ein paar demokratischen Regierungen geteilt werden. Ob jedoch jede Regierung dieser Welt niemals eine andere Wahl hat, als den Überlegungen von Marshall zu folgen (so klingen seine Ausführungen), halte ich jedoch für zweifelhaft.
Den Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Geographie behandelt Marshall leider erst ganz am Ende des Buches und nur in einigen kurze Passagen im Nachwort erläutert er die Möglichkeit, dass der Klimawandel neben seinen "positiven" Effekten (diese erkennt zumindest Marshall), den Zugang zu fossilen Brennstoffen in der Arktis und effektivere Schifffahrtsrouten, auch ein paar negative Aspekte haben könnte, und was deren Auswirkungen sein könnten. Leider ist allerdings damit zu rechnen, dass zahlreiche Regierungen diese "positiven" Effekte wohl ebenso im Fokus haben wie Marshall.
Trotzdem gibt das Buch dem Leser eine ganze Reihe sehr interessanter und vermutlich auch oft zutreffender Einblicke, die mir als geopolitischem Laien noch nicht bewusst waren.
