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George Orwell: Warum ich schreibe. Die großen Essays (Hardcover, German language, 2022, Anaconda)

»Mein größtes Ziel war es, aus dem politischen Schreiben eine Kunst zu machen.« Nicht nur …

Einige der Essays geben einfach einen interessanten Einblick in Episoden aus dem Leben des Autors; beim größten Teil der um die 80 Jahre alten Texte handelt es sich aber um politische Erörterungen, die überraschenderweise trotz ihres Alters praktisch nichts an Aktualität verloren haben. Für Leser von „Animal Farm“ vermutlich wenig überraschend geht es in vielen Essays primär um das kommunistische Regime in der UdSSR, einige beschäftigen sich auch mit Hitler und Nazideutschland. Tatsächlich sind Orwells Analysen aber sehr viel allgemeiner gefasst und analysieren messerscharf, wie totalitäre Staatsformen entstehen, warum sie Unterstützung in der Bevölkerung finden, und wie man mit ihnen am besten umgehen sollte. Dabei stellt man als Leser unserer Zeit immer wieder fest, dass die Probleme und Entwicklungen vor 80 Jahren sehr viele Parallelen mit den aktuellen Entwicklungen im Jahr 2025 aufweisen.

Verschwörungstheorien, Fakenews, totaler Realitätsverlust, Unterdrückung der Medien sind alles keine neuen Entwicklungen der letzten Jahre, wir hatten wohl nur ein paar entspannte Jahrzehnte der relativen Ruhe, in der all diese schon bekannten Phänomene verdrängt und vergessen wurden. Auch eine ausgeprägte Pazifismusbewegung gab es schon damals wie heute, die Orwell (der aus politischer Überzeugung als Soldat im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat) ebenfalls kritisch beleuchtet.

Orwell erklärt auch sehr genau, warum der gewaltlose Widerstand eines Gandhi in Indien funktionieren konnte, während dieselbe Methode in einem totalitären Staat (wie Nazideutschland) völlig sinnlos wäre: „Bei all dem kann man aber davon ausgehen, dass Gandhi […] gar nicht verstanden hatte, was Totalitarismus im Wesentlichen bedeutet, und dass er die gesamte Situation von der Warte seines eigenen Kampfes gegen die britische Kolonialherrschaft aus betrachtete. Dabei ist es gar nicht einmal so entscheidend, dass die Briten ihn gewähren ließen, sondern vielmehr, dass er sich stets in der Lage befand, die Öffentlichkeit zu erreichen. Wie man an den oben angeführten Zitaten erkennt, glaubte er daran, dass man die Welt aufrütteln konnte, und das ist nur möglich, wenn man sich in der Welt Gehör verschaffen kann […]. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie Gandhis Vorgehensweise in einem Land angekommen wäre, wo Regimegegner bei Nacht und Nebel verschwinden und nie wieder auftauchen. Ohne Pressefreiheit und Versammlungsrecht ist es nicht möglich, an die öffentliche Meinung zu appellieren, es ist auch unmöglich, eine Massenbewegung in Gang zu setzen, geschweige denn der Gegenseite die eigenen Vorhaben nahezubringen. […] Außerdem muss man die Annahme, die Gandhi in menschlicher Hinsicht so einfach voraussetzte, und zwar dass alle Menschen auf die eine oder andere Weise erreichbar seien und auf großzügige Gesten reagieren würden, ernsthaft infrage stellen. Denn das stimmt nicht immer, beispielsweise dann nicht, wenn man es mit Wahnsinnigen zu tun hat.“

Leider scheint die Zahl der Wahnsinnigen 2025 nicht unbedingt geringer zu sein, als zum Zeitpunkt, als Orwell diese Worte geschrieben hat.