Nils Müller liest hat The Veiled Throne von Ken Liu besprochen
Epische Fantasy zwischen "Rach, der Restauranttester" und Terry Pratchett
5 Sterne
Es kommt sehr, sehr, selten vor, dass ich mich innerhalb von einem Monat durch drei Bände einer Fantasy-Reihe grabe – wobei ich mich nicht erinnern kann, dass mir das überhaupt schon mal passiert ist. Wenn diese drei Bände zusammen dann aber auch noch rund 2500 Seiten haben, ist das Ganze noch überraschender.
Es muss also etwas Besonderes dran sein, an dieser „Dandelion Dynasty“ und, boy, ist die besonders. Nachdem die ersten beiden Bände auf jeweils sehr unterschiedliche Weise eine sehr komplexe und faszinierende, aber doch irgendwie „typische“ epische Fantasy-Geschichte erzählt haben, geht Band drei, The Veiled Throne, sehr eigene Wege: Von der Geschichte eines Kontinents, wenn nicht sogar einer ganzen Welt, hin zur Geschichte einzelner Figuren in dieser Welt.
Es beginnt noch mit einer gigantischen Schlacht, in der alle bekannten und neu entwickelten Waffen‑ und Strategie‑Register gezogen werden – und das sind einige, die man in einer …
Es kommt sehr, sehr, selten vor, dass ich mich innerhalb von einem Monat durch drei Bände einer Fantasy-Reihe grabe – wobei ich mich nicht erinnern kann, dass mir das überhaupt schon mal passiert ist. Wenn diese drei Bände zusammen dann aber auch noch rund 2500 Seiten haben, ist das Ganze noch überraschender.
Es muss also etwas Besonderes dran sein, an dieser „Dandelion Dynasty“ und, boy, ist die besonders. Nachdem die ersten beiden Bände auf jeweils sehr unterschiedliche Weise eine sehr komplexe und faszinierende, aber doch irgendwie „typische“ epische Fantasy-Geschichte erzählt haben, geht Band drei, The Veiled Throne, sehr eigene Wege: Von der Geschichte eines Kontinents, wenn nicht sogar einer ganzen Welt, hin zur Geschichte einzelner Figuren in dieser Welt.
Es beginnt noch mit einer gigantischen Schlacht, in der alle bekannten und neu entwickelten Waffen‑ und Strategie‑Register gezogen werden – und das sind einige, die man in einer klassischen Fantasywelt so nicht erwartet. Aber wir sind hier ja nicht in einer europäisch inspirierten Welt, sondern in einer chinesischen. Und da gab es schon im 10. Jahrhundert eine Eisenproduktion, wie sie Europa erst im 17. Jahrhundert erreicht hat.
Überhaupt merkt man an allen Ecken und Enden dieser faszinierenden Welt, dass Ken Liu sich von der Geschichte Chinas hat inspirieren lassen – angefangen von den zentralen Prüfungen für Beamte über die kontinuierliche Zersplitterung und Neuzusammensetzung des großen Reichs bis hin zur großen Bedrohung durch Nomadenvölker. Alles klar der chinesischen Geschichte entlehnt, aber für die westliche Fantasy vollkommen anschlussfähig.
Aber zurück zur Geschichte: Nach der großen Schlacht wird es ein bisschen kleiner und es gibt Intrigen, Familienfehden und Rebellion, wie wir sie aus den ersten beiden Bänden schon kennen. Dann aber kommt ein Bruch, und das Buch nimmt eine etwas überraschende Wendung: Von der großen Weltgeschichte wechseln wir in eine einzelne Stadt und erleben einen Wettstreit zweier Restaurants. Über mehrere hundert Seiten wirkt der Roman phasenweise wie die Nacherzählung einer Episode „Rach, der Restauranttester“ durch Terry Pratchett und macht dabei eine Menge Spaß.
Am Ende schließt sich dann natürlich wieder der Bogen zur übergreifenden Geschichte, dieser bleibt jedoch vorerst eher lose und dürfte im vierten und letzten Band dann erst wieder richtig aufgegriffen werden.
Auch thematisch ist The Veiled Throne ein absolutes Fest: Die wissenschaftlichen Entdeckungen, technischen Erfindungen und strategischen Überlegungen machen einfach Spaß. Nachdenklich hingegen wird es, wenn es um Identität geht, um die Geschichten, die wir uns selbst und anderen erzählen, und um die Frage, wo im Krieg eigentlich die Guten sind. Dabei schafft es Liu hervorragend, Handlung mit philosophischen Reflexionen zu verknüpfen und jeder Figur ein komplexes und widersprüchliches Innenleben zu verpassen.
Ihr merkt vermutlich, auch "The Veiled Throne" hat mich wieder absolut gefesselt und macht "Dandelion Dynasty" zum Anwärter auf eine der besten epischen Fantasy-Reihen, die ich bisher gelesen habe. Nach ein paar Tagen Pause und ein, zwei Perry-Rhodan-Heften zur mentalen Erholung werde ich mich dann wohl auch ziemlich bald dem vierten und letzten Band der Reihe – "Speaking Bones" – widmen.