fabio hat Die Insel des vorigen Tages von Umberto Eco besprochen
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5 Sterne
Die Insel des vorigen Tages ist Ecos dritter Roman und der vierte den ich gelesen habe. Er erzählt die Geschichte von Roberto de la Grive, zusammengestellt aus den Briefen an seine Geliebte, wie uns der Erzähler wissen lässt. De la Grive erleidet in den 1630er Jahren in der Südsee nahe der Datumsgrenze Schiffbruch und wird an ein anderes Schiff angespült, dass zwischen der Küste und einer Insel vor Ankel liegt und offenbar völlig verlassen ist, und auf dem er als Nichtschwimmer nun trotz des nahen Ufers gefangen ist. Im ersten Teil wechselt sich seine Erkundung des Schiffes ab mit der Erzählung seines bisherigen Lebens als piemontesischer Landadliger, der zunächst an der Verteidigung der belagerten Stadt Casale teilnimmt, später in Paris in wissenschaftsfreudigen Philosophenkreisen verkehrt und schließlich als französischer Spion auf die Reise geschickt wird einen anderen zu verfolgen, der im Auftrag der Briten in die Südsee reist, um das Längenproblem …
Die Insel des vorigen Tages ist Ecos dritter Roman und der vierte den ich gelesen habe. Er erzählt die Geschichte von Roberto de la Grive, zusammengestellt aus den Briefen an seine Geliebte, wie uns der Erzähler wissen lässt. De la Grive erleidet in den 1630er Jahren in der Südsee nahe der Datumsgrenze Schiffbruch und wird an ein anderes Schiff angespült, dass zwischen der Küste und einer Insel vor Ankel liegt und offenbar völlig verlassen ist, und auf dem er als Nichtschwimmer nun trotz des nahen Ufers gefangen ist. Im ersten Teil wechselt sich seine Erkundung des Schiffes ab mit der Erzählung seines bisherigen Lebens als piemontesischer Landadliger, der zunächst an der Verteidigung der belagerten Stadt Casale teilnimmt, später in Paris in wissenschaftsfreudigen Philosophenkreisen verkehrt und schließlich als französischer Spion auf die Reise geschickt wird einen anderen zu verfolgen, der im Auftrag der Briten in die Südsee reist, um das Längenproblem zu lösen, also einen Weg zu finden, auf offener See die geographische Länge (und damit die genaue Position) festzustellen. Später begegnet er dem Jesuitenpater Caspar, mit dem er sich theologische Debatten liefert bei denen er die kritische Wissenschaft vertritt, von der er jedoch nur zusammen gesammelte Bruchstücke kennt. Dieser spricht in der deutschen Übersetzung des Buches ein altertümliches, in teilweise zeitgenössischer Rechtschreibung geschriebenes Deutsch:
“Weil hiero der hundertundachtzigste Meridian verlauffet, der justament selbiger ist, welcher die Erde zweyteilet, und auff der anderen Seite verlauffet der Erste Meridian: Du zehlst eins, zwey, drey, et cetera bis dreyhundertundschzig Meridian-Grade, und wann du bist bey hundertundachtzig, ist hier Mittnacht und beym Ersten dorten ist Mitta. Verstehst du? Errätst du anjetzo, warumb man die Insulae Salomonis so geheißen? Salomo sprach: Schneidet das Kind entzwey, Salomo sprach: Schneidet in zwey die Erde.”
Eine dritte Erzählebene ist im weiteren Verlauf des Buches die Erlebnisse von Robertos erfundenem bösartigen Zwillingsbruder Ferrante, der ihm seit seiner Kindheit als Reflexionsobjekt dient.
Wie nicht anders zu erwarten ist der ganze Roman gespickt mit Verweisen und Anspielungen von denen ich sicher 90% gar nicht bemerkt habe, aber ähnlich wie im Namen der Rose funktioniert auch hier schon die Oberfläche so gut, dass sie alleine schon unterhaltsam genug ist. Darunter geht es (natürlich) viel um Sprache, Zeichen und Intertextualität, aber auch um Geographie, kirchliches Dogma und Wissenschaft, die Bedeutung von (Un-)endlichkeit und was weiß ich noch alles.
Schließlich würde ich, wenn ich aus dieser Geschichte einen Roman hervorgehen lassen wollte, damit nur ein weiteres Mal beweisen, daß man nicht anders schreiben kann, als indem man das Palimpsest einer wiedergefundenen Handschrit verfertigt - ohne sich je der Angst vor dem Einfluss entziehen zu können. Und ich würde auch nicht der kindischen Neugier des Lesers entgehen, der dann würde wissen wollen, ob Roberto die Seiten, mit denen ich mich so ausführlich beschäftigt habe, auch wirklich geschrieben hatte. Ehrlicherweise würde ich antworten müssen, daß sie auch ein anderer geschrieben haben könnte, der womöglich nur so tun wollte, als ob er die Wahrheit sagte. Und so würde ich den ganzen Effekt des Romans ruinieren - bei dem man zwar immer so tun muß, als ob man wahre Dinge erzählt, aber niemals ernsthaft sagen darf, daß man nur so tut.
Irgendwo stand, es sei einer der unzugänglichsten Romane Ecos, aber im Vergleich zum Foucaultschen Pendel fand ich ihn eigentlich fast schon straight forward. Klar 5 Sterne jedenfalls.